Bei kaum einem Thema gehen Nutzen und Leichtsinn gerade so Hand in Hand wie bei KI. Der Nutzen ist echt: Sprachmodelle schreiben Entwürfe, fassen Dokumente zusammen, übersetzen, strukturieren und sparen einem EPU Stunden pro Woche. Wer das ignoriert, verschenkt Zeit, und dieses Kapitel wird dir sicher nicht davon abraten.
Der Leichtsinn ist genauso echt: In der Praxis wandern gerade in tausenden Betrieben Kundenlisten, Angebote, Verträge und Krankmeldungen in die Chatfenster von US-Anbietern, weil es schnell geht und niemand kurz nachgedacht hat. Jede dieser Eingaben ist eine Datenübermittlung an einen Dritten, mit allem, was Kapitel 5 dazu gesagt hat, und je nach Anbieter und Tarif trainiert sie auch noch fremde Modelle mit.
Die gute Nachricht: Der souveräne Umgang mit KI kostet fast nichts an Komfort. Er braucht eine Regel, eine Anbieterentscheidung und optional ein Stück Neugier.
Die Praktikanten-Regel
Die eine Regel, die sich jedes EPU an die Wand hängen kann:
Behandle jeden KI-Chat wie einen fremden Praktikanten: Alles, was du dem nicht unaufgefordert mailen würdest, hat dort nichts verloren.
Damit sortiert sich der Alltag von selbst. Einen Blogartikel entwerfen, eine E-Mail glattziehen, eine Formulierung suchen, ein öffentliches Thema recherchieren: alles unbedenklich, nimm dafür, was dir taugt. Ein Angebot mit Kundennamen formulieren, einen Vertrag zusammenfassen, Bewerbungen sichten, Buchhaltungsdaten kategorisieren: Halt, das ist Praktikanten-Post. Dafür braucht es entweder einen Anbieter, dem du es vertraglich sauber anvertrauen kannst, oder ein Modell, das dein Haus gar nicht verlässt.
Der häufigste Fehler ist dabei keiner von böser Absicht, es ist der Kopier-Reflex: Man hat das Dokument eh gerade offen, das Chatfenster auch. Deshalb lohnt es sich, die zwei erlaubten Wege einmal einzurichten, damit der bequemste Weg auch der saubere ist.
Weg 1: EU-Anbieter mit Vertrag
Es gibt inzwischen leistungsfähige Sprachmodelle von europäischen Anbietern, allen voran Mistral aus Frankreich. Die Modelle spielen qualitativ in der Liga, in der ein EPU sie braucht, die Daten bleiben in der EU, und für die geschäftliche Nutzung gibt es die vertragliche Grundlage samt AVV (Kapitel 5), mit der du die Verarbeitung auch dokumentieren kannst.
Wichtig ist bei jedem Anbieter, auch dem europäischen, ein Blick auf zwei Einstellungen: Werden meine Eingaben zum Training verwendet (abschaltbar oder im Business-Tarif ausgeschlossen), und wie lange werden sie gespeichert? Die Antworten gehören in dein Verarbeitungsverzeichnis, dann ist das Thema abgehakt.
Auch die großen US-Anbieter schließen im Business-Tarif meist das Training aus. EU-Datenhaltung ist dagegen oft nur in Enterprise-Stufen oder gegen Aufpreis dabei, das musst du beim jeweiligen Anbieter genau nachlesen. Damit ist die Lage besser als beim Gratis-Chatfenster, die Grundsatzfrage der US-Übermittlung aus Kapitel 5 bleibt aber bestehen. Meine Reihung für Kundendaten ist deshalb: EU-Anbieter vor US-Business-Tarif, und beide weit vor dem Gratis-Chat.
Weg 2: lokal, das Modell im eigenen Haus
Der zweite Weg klingt nach Zauberei und ist keiner mehr: Sprachmodelle laufen inzwischen auf normalen Rechnern. Mit Ollama, einem Open-Source-Werkzeug, installierst du dir offene Modelle (etwa die von Mistral oder Metas Llama-Familie) direkt auf deinen Computer. Die Daten verlassen dabei das Gerät überhaupt nie, womit sich jede Übermittlungsfrage erledigt hat. Laufende Kosten: null.
Die ehrliche Einordnung dazu: Lokale Modelle sind kleiner als die großen Cloud-Modelle und merkbar schwächer bei komplexen Aufgaben. Für die Brot-und-Butter-Arbeit eines EPU (zusammenfassen, umformulieren, kategorisieren, Entwürfe) reichen sie erstaunlich oft, für das Feinschleifen wichtiger Texte greift man dann doch zum großen Modell, halt ohne die heiklen Daten. Ein brauchbarer Rechner mit 16 GB RAM genügt für den Einstieg, und das Ausprobieren kostet einen Nachmittag. Für den Werkzeugkasten aus Kapitel 4 ist Ollama der seltene Fall eines Werkzeugs mit Anschaffungspreis null und Abo-Kosten null.
Drei Leitplanken für den Alltag
Zum Schluss die Punkte, die aus Erfahrung sonst schiefgehen:
Leg die Regel schriftlich fest, auch als EPU. Ein Absatz genügt: Welche Tools sind im Einsatz, was darf hinein, was nie. Das zwingt dich einmal zum Durchdenken, und spätestens beim ersten Mitarbeiter oder Praktikanten (dem echten) ist der Absatz Gold wert.
KI-Ausgaben bleiben Entwürfe. Modelle erfinden Fakten, Zahlen und Paragrafen mit vollem Selbstvertrauen. Alles, was das Haus verlässt, liest vorher ein Mensch, und bei Rechts- oder Zahlenfragen prüft er die Quelle. Der Haftungsfall aus einer erfundenen Klausel ist teurer als jede gesparte Stunde.
Sag dazu, wo es Kunden betrifft. Wenn KI wesentlich an einer Leistung mitarbeitet, die du verkaufst, gehört das in die Kommunikation mit dem Kunden. Abgesehen vom Anstand ist es auch das bessere Geschäft: „Ich nutze KI, und zwar so, dass deine Daten dabei geschützt bleiben” ist ein Verkaufsargument, das die wenigsten Mitbewerber sauber liefern können.
Damit sind alle Themen des Manuals durch. Was bleibt, ist das Kapitel, für das die bisherigen sechs die Begründung waren: der komplette souveräne Gründer-Stack zum Abarbeiten, mit Anbietern, Preisen und der Checkliste.