SOUVERÄN GRÜNDEN

Kapitel 07

Der souveräne Gründer-Stack

Das komplette Referenz-Setup für alle, die von Tag 1 weg unabhängig gründen wollen: Domain, Mail, Website, Tools, KI und Buchhaltung. Mit ehrlichen Kosten und pragmatischen Abkürzungen.

9 min Lesezeit

Das hier ist das Kapitel, für das der Rest des Manuals die Begründung liefert. Wer die Kapitel davor gelesen hat, weiß warum. Wer direkt hierher gesprungen ist: auch gut, die Checkliste funktioniert für sich allein.

Ein Hinweis vorweg: Es gibt für jede Kategorie eine souveräne Ideallösung und eine pragmatische Abkürzung. Beides steht hier. Souveränität ist kein Alles-oder-nichts-Spiel. Wer bei drei von dreizehn Punkten den US-Default nimmt, weil gerade keine Zeit ist, gründet trotzdem um Welten unabhängiger als der Durchschnitt. Wichtig ist, dass du die Entscheidung bewusst triffst und den Exit kennst.

Die drei Fragen vor jedem Tool

Bevor du irgendein Werkzeug in deinen Stack lässt, stell ihm drei Fragen:

  1. Komm ich an meine Daten? Gibt es einen Export in einem offenen Format (Markdown, CSV, IMAP, iCal)? Wenn die Antwort „PDF-Export im Premium-Plan” lautet: Finger weg.
  2. Wo liegen meine Daten? EU-Anbieter mit EU-Servern, oder US-Konzern mit Standardvertragsklauseln und Daumendrücken? Für Kundendaten ist das keine Geschmacksfrage, das ist DSGVO.
  3. Was kostet der Exit? Rechne den Umzug durch, bevor du einziehst. Bei einer Domain: null. Bei einem Website-Baukasten: eine komplette Neuentwicklung.

Wenn ein Tool alle drei Fragen sauber beantwortet, darf es auch ein kommerzielles US-Produkt sein. Souveränität heißt: jederzeit gehen können. Es heißt übrigens auch nicht automatisch Self-Hosting. Ein EU-Anbieter, der Open-Source-Software für dich betreibt, ist für die meisten EPU die bessere Wahl als ein eigener Server, um den sich niemand kümmert.

Der Stack, Kategorie für Kategorie

1. Domain: die eine Entscheidung, die alles trägt

Die Default-Falle: Gründen auf deinname.wixsite.com und deinname@gmail.com. Jede Visitenkarte, jedes Google-Ranking, jeder Backlink zahlt dann auf eine Adresse ein, die dir nie gehören wird.

Souverän: Eigene Domain bei einem österreichischen oder EU-Registrar (World4You, easyname, INWX). Eine .at kostet im ersten Jahr oft 6 bis 15 EUR (Lockangebote), ab dem zweiten Jahr je nach Registrar 13 bis 36 EUR. Den Verlängerungspreis vor der Registrierung prüfen. Die Domain ist der einzige Teil deines Stacks, der für immer bleibt: Website, Hosting und Mail-Anbieter kannst du später beliebig tauschen, solange die Domain dir gehört.

Regel: Domain immer direkt beim Registrar, niemals „gratis” über den Website-Baukasten oder die Agentur. Eine Domain, die im Account eines Dritten liegt, ist eine Geisel.

2. E-Mail: eigene Adresse, EU-Postfach

Die Default-Falle: Gmail. Kostenlos, bequem, und deine gesamte Geschäftskorrespondenz inklusive Kundendaten liegt bei einem US-Werbekonzern. Für die DSGVO-Dokumentation deiner Firma ist das von Tag 1 ein Klotz am Bein.

Souverän: office@deinedomain.at bei einem EU-Anbieter. Mailbox.org (Deutschland, ab rund 3 EUR im Monat) und Infomaniak (Schweiz) sind die Klassiker, IMAP-Export macht den späteren Umzug trivial.

Pragmatisch: Das Mail-Hosting, das beim österreichischen Domain-Registrar dabei ist, reicht für den Start völlig. Wichtig ist die eigene Domain nach dem @, das Postfach dahinter ist tauschbar.

3. Website: gehören statt mieten

Die übliche Falle: Wix, Squarespace, Jimdo. Der Baukasten ist in einer Stunde online, und genau dafür bezahlst du später: Die Inhalte stecken in einem proprietären System, ein Umzug ist praktisch eine Neuentwicklung, und die monatliche Miete läuft, solange die Seite existiert. Dazu Ladezeiten, die dir bei Google Punkte kosten.

Souverän: Eine statische Website (zum Beispiel mit Astro oder Hugo): Inhalte als Markdown-Dateien, die dir gehören, gehostet für ein paar Euro bei einem EU-Hoster oder auf dem Webspace deines Registrars. Schnell, wartungsarm, kein Plugin-Zirkus.

Pragmatisch: Wenn du nicht selbst bauen willst und das Budget für eine Entwicklung noch fehlt, ist WordPress bei einem EU-Hoster der akzeptable Mittelweg: Open Source, exportierbar, umziehbar. Der Baukasten ist nur dann okay, wenn du ihn als bewusst befristetes Provisorium behandelst und die Domain (siehe Punkt 1) dir gehört.

4. Dateien und Office: die Google-Workspace-Frage

Die Default-Falle: Google Drive plus Google Docs. Praktisch, kollaborativ, und wieder liegen Verträge und Kundendaten in den USA.

Souverän: Nextcloud, aber gehostet statt selbst betrieben: Hetzner Storage Share (ab rund 4,30 EUR im Monat) oder Infomaniak kSuite. Dateien, Kalender, Kontakte und mit OnlyOffice auch gemeinsames Dokument-Editieren, alles auf EU-Servern. Lokal dazu LibreOffice, das öffnet und schreibt alle gängigen Formate.

Pragmatisch: Wer zwingend Microsoft-Formate mit Konzernkunden austauscht, fährt mit gekauften Office-Lizenzen plus Nextcloud-Speicher besser als mit dem Microsoft-365-Abo samt OneDrive-Kopplung.

5. Passwörter: der billigste Sicherheitsgewinn überhaupt

Die Default-Falle: Dieselben drei Passwörter überall, gespeichert im Browser.

Souverän: Bitwarden. Kernprodukt Open Source, regelmäßig extern auditiert, der Free-Plan reicht für ein EPU locker. Wer maximale Kontrolle will, hostet mit Vaultwarden selbst. Vom ersten Tag an dazu: Zwei-Faktor-Authentifizierung auf Domain-Registrar, Mail und Bank. Diese drei Accounts sind dein Generalschlüssel.

(Warum ich von Dashlane weg wollte und immer noch dort bin, steht ausführlich in Teil 3 der Serie „Digital unabhängig”.)

6. Videocalls: gute Nachrichten

Die Default-Falle: Zoom-Abo plus Teams, weil „das eh jeder hat”.

Souverän: Für Calls mit Kunden reicht ein Browser-Link: Jitsi Meet (kostenlos, Open Source, keine Registrierung für Gäste) oder das in Nextcloud enthaltene Talk. Der Kunde klickt einen Link, fertig, keine Software-Installation.

Pragmatisch: Wenn der Kunde das Meeting hostet, nimmst du, was der Kunde schickt. Souveränität betrifft deine Infrastruktur, keine Glaubensbekenntnisse in fremden Meetings.

7. Kalender und Terminbuchung

Souverän: Kalender liegt via CalDAV in deiner Nextcloud (siehe Punkt 4) und synchronisiert mit jedem Gerät. Für „Buch dir einen Termin bei mir”: Cal.com, Open Source, mit kostenlosem Einstiegsplan, statt Calendly.

Die Default-Falle: Google Analytics. Übertrieben komplex für ein EPU, datenschutzrechtlich Dauerbaustelle, und es macht deine Besucher zum Produkt.

Souverän: Umami, Plausible oder Matomo. Alle drei Open Source, alle drei ohne personenbezogene Cookies einsetzbar, das Cookie-Banner für die Analytics entfällt. Plausible gibt es gehostet aus der EU ab rund 9 EUR im Monat, Umami und Matomo laufen auch auf kleinstem eigenem Webspace.

9. Newsletter und Kunden-Mails

Die Default-Falle: Mailchimp. US-Anbieter, und der Preis skaliert schmerzhaft mit der Listengröße.

Souverän: Brevo (Frankreich, Free-Plan bis 300 Mails am Tag) für den bequemen Start, Listmonk (Open Source, self-hosted) für die volle Kontrolle. In beiden Fällen gilt: Die Abonnentenliste regelmäßig als CSV exportieren, dann ist auch hier der Exit jederzeit machbar.

10. KI: nutzen ja, Daten verschenken nein

Die Default-Falle: Kundendaten, Verträge und Kalkulationen in den Chat eines US-Anbieters kippen, weil es schnell geht.

Souverän: Für Texte und Recherche ohne sensible Daten ist jedes Tool okay. Sobald Kundendaten im Spiel sind: EU-Anbieter wie Mistral (Frankreich, DSGVO-konforme API) oder gleich lokal mit Ollama auf dem eigenen Rechner. Die Faustregel ist einfach: Alles, was du auch keinem fremden Praktikanten mailen würdest, hat in einem US-Chatbot nichts verloren. Mehr dazu in Kapitel 6.

11. Rechnungen und Buchhaltung

Vorab: Was steuerlich für dich gilt, klärst du mit deiner Steuerberatung, das ist deren Job und nicht der von Software. Hier geht es nur ums Werkzeug.

Die Default-Falle: Rechnungen in Word-Vorlagen, Belege in Schuhschachteln, oder ein US-Cloud-Tool ohne Datenexport.

Souverän: Ein Tool mit sauberem Export (CSV, PDF-Archiv) und EU-Hosting. Für viele EPU mit Kleinunternehmerregelung reicht am Anfang eine saubere Tabellenkalkulation plus fortlaufende PDF-Rechnungen. Wer mehr will: Invoice Ninja ist quelloffen einsehbar (Elastic License, kein klassisches Open Source) und für den Eigenbedarf kostenlos self-hostbar, unter den Cloud-Tools haben österreichische Anbieter den Vorteil, dass sie die hiesigen Anforderungen kennen.

12. Backups: der unsexy Punkt, der dich rettet

Die Regel heißt 3-2-1: drei Kopien, zwei verschiedene Medien, eine außer Haus. Für ein EPU konkret: Arbeitsrechner plus externe Festplatte plus verschlüsseltes Offsite-Backup, etwa auf eine Hetzner Storage Box (ab rund 3,20 EUR im Monat) mit einem Tool wie restic. Und einmal im Jahr eine Wiederherstellung testen. Ein Backup, das nie zurückgespielt wurde, ist ein Gerücht.

Die Default-Falle: Gratis-QR-Generator, bit.ly, Linktree. Alle drei leiten dein Publikum über eine fremde Domain um und lesen dabei mit. Beim QR-Code kommt dazu die fieseste Variante der Abo-Falle: Viele QR-Code-Dienste erzeugen standardmäßig „dynamische” Codes, die auf den Server des Anbieters zeigen, und der stellt sie nach der Testphase ab, gern wenn der Code schon auf Flyern und Speisekarten gedruckt ist.

Souverän: Statische QR-Codes, die direkt auf deine Domain zeigen. Die erzeugt jedes offene Werkzeug kostenlos, sie gehören niemandem und laufen ewig. Kurzlinks als Weiterleitungen auf der eigenen Domain (deinedomain.at/angebot), die Klickzahlen liefert deine Analytics aus Punkt 8. Und die „Link in Bio”-Seite ist eine simple Unterseite deiner Website, im eigenen Design statt mit fremdem Branding. Die Hintergründe stehen in Kapitel 4.

Was das kostet

Der komplette souveräne Grundstack, gehostet statt selbst gebastelt:

BausteinKosten
Domain (.at)1 bis 3 EUR / Monat
Mail (EU-Postfach)rund 3 EUR / Monat
Website (statisch, EU-Hosting)0 bis 5 EUR / Monat
Nextcloud gehostet (Dateien, Kalender, Talk)ab rund 4,30 EUR / Monat
Passwörter (Bitwarden Free)0 EUR
Analytics (Umami self-hosted)0 EUR
Newsletter (Brevo Free)0 EUR
Backup (Storage Box)ab rund 3,20 EUR / Monat
QR-Codes, Kurzlinks, Link-Seite (eigene Domain)0 EUR

Rund 12 bis 20 EUR im Monat, je nach Domain und Website-Hosting. Zum Vergleich: Wix Business plus Google Workspace plus Zoom plus Mailchimp landet schnell bei 60 bis 80 EUR im Monat, mit Daten verteilt über vier US-Anbieter und einem Exit, der bei jedem einzelnen davon weh tut. Der souveräne Stack ist nebenbei auch der billigere. (Preise Stand September 2026, vor dem Bestellen kurz nachschauen.)

Die Checkliste

Zum Abhaken, in sinnvoller Reihenfolge:

  • Eigene Domain registriert, direkt bei einem EU-Registrar, in deinem eigenen Account
  • E-Mail auf eigener Domain, Postfach bei einem EU-Anbieter
  • Zwei-Faktor-Authentifizierung aktiv auf Registrar, Mail und Bank
  • Passwortmanager eingerichtet, alle Geschäfts-Accounts drin
  • Website: Inhalte liegen in einem Format, das du exportieren und mitnehmen kannst
  • Dateien und Kalender bei einem EU-Anbieter, Kundendaten raus aus US-Clouds
  • Videocall-Lösung getestet, die für Gäste ohne Installation funktioniert
  • Analytics ohne personenbezogene Cookies, Google Analytics gestrichen
  • Newsletter-Liste mit Exportfunktion, erster CSV-Export gemacht
  • QR-Codes statisch und direkt auf die eigene Domain, Kurzlinks und Link-in-Bio-Seite auf der eigenen Domain
  • KI-Grundsatz festgelegt: sensible Daten nur zu EU-Anbietern oder lokal
  • Rechnungs-Workflow mit sauberem PDF- und CSV-Export
  • Backup nach 3-2-1 eingerichtet und einmal testweise wiederhergestellt
  • Für jedes bezahlte Tool: Exit-Weg notiert (Was exportiere ich, wohin, wie lange dauert es?)

Wer alle Häkchen setzt, hat einen Stack, der billiger ist als der Default, DSGVO-seitig von Anfang an sauber dasteht und bei dem kein einzelner Anbieter dich jemals festhalten kann. Genau das heißt souverän gründen.