Digital unabhängig #7: Sechs Monate Affinity by Canva, und Adobe fehlt mir nicht
Seit Februar ist kein Adobe mehr auf meinen Rechnern. Was Affinity by Canva in sechs Monaten Print- und Webjobs geliefert hat, wo es hakt, und warum gratis trotzdem einen Preis hat.
Ich mache Print, ich mache Web, und ich zahle dafür nichts. Zumindest nicht in Euro.
Angefangen hat das allerdings mit einem Stapel Disketten im Jahr 1994. Und weil ich beim Schreiben gemerkt hab, dass ich langsam zum grantigen alten Mann werde, hab ich das eingeklappt:
Ich hab eine viel zu lange Einleitung geschrieben, die nix mit Affinity zu tun hat. Wenn du sie trotzdem lesen willst, klick hier.
Meine Eltern hatten eine Offsetdruckerei. Weil sie viel gearbeitet haben, war ich als Kind viel dort, und zwar meistens in der Repro vor den Macs. Eine brauchbare Internetleitung gab es damals nicht, und ich als Kind hab sowieso nicht kapiert, wie ich über den ISDN-Rechner da irgendwo reinkomme. Also hab ich mit dem gespielt, was installiert war: Freehand, QuarkXPress, Photoshop.
An einen Tag erinnere ich mich noch genau. Mein Vater erzählt mir stolz, dass er heute in der Firma schläft, weil er den neuen Photoshop hat und den installieren will. Ein Stapel Disketten, und das dauert die ganze Nacht. Ob es wirklich die Nacht gedauert hat oder ob er nebenbei das halbe System neu aufgesetzt hat, kann ich heute nicht mehr sagen. Photoshop 3.0 war 1994 die letzte Version, die überhaupt noch auf Disketten ausgeliefert wurde, vier bis sechs Stück je nach Bundle. Aber für mich als Kind war die Botschaft klar: Es gibt da ein Programm, für das mein Vater in der Firma übernachtet.
Ab da war ich angefixt. Ein paar Jahre später war ich einer der Ersten in meiner Klasse mit Internetanschluss daheim und einem Performa All-in-One im Kinderzimmer. Dialup-Modem, das die Telefonleitung blockiert hat, das volle Programm. Und mein Vater steckt mir CD-ROMs zu, aktueller Photoshop, dazu ein handgeschriebener Zettel mit der Lizenznummer. Ich war im Himmel. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon, was das Ding wert ist: unfassbar teuer, und alle paar Jahre wieder, wenn man die neuen Features wollte. Aber, und das ist der Punkt: Die alte Version lief danach genauso weiter wie vorher.
Nach meiner Lehre hab ich mal ein Interview mit einem Adobe-Mitarbeiter gelesen. Sinngemäß, die Quelle finde ich beim besten Willen nicht mehr, sagte der: Raubkopien stören ihn nicht groß, weil ein Großteil davon bei Schülern und Studenten landet. Die sollen das ruhig gratis haben und damit lernen, damit sie es dann kaufen, wenn sie professionell damit arbeiten. Das war die Welt, in der ich Grafik gelernt hab.
Was danach passiert ist, wissen wir alle. Abo-Zwang. Vertragsbedingungen, aus denen man nur schwer wieder rauskommt. Software, die mit jeder Version bloatiger wird und inzwischen voller AI-Features steckt, die keiner bestellt hat, während die Basics gefühlt seit zehn Jahren gleich schlecht sind. Enshittification, Lehrbuchbeispiel.
Affinity war jahrelang die Software, die ich nie gebraucht hab
Als Serif Affinity rausbrachte, hab ich das mit echter Freude verfolgt. Endlich jemand, der die drei Adobe-Säulen angreift, und zwar mit Kaufversionen statt Abo. Genutzt hab ichs trotzdem nie. Als Angestellter hatte ich die Creative Cloud der Firma am Rechner, da hab ichs einfach nicht gebraucht.
Richtig spannend wurds allerdings, als Canva Serif gekauft hat und dann Ende Oktober 2025 das Ding komplett neu rausgebracht hat: die drei Programme zu einer App vereint, und gratis. Keine Testversion, kein Light-Modus. Ein komplettes Programm. Über eine Million Anmeldungen in den ersten vier Tagen!
Ich habs mir sofort installiert. Und weil ich nichts Konkretes vorhatte, hab ich einfach mal das Logo der Antifaschistischen Aktion nachgebaut. Zwei Fahnen, Kreis, Schrift drumherum. Klingt banal, ist es technisch auch, aber ich habs ohne einmal groß zu suchen hinbekommen. Das war der Moment, in dem ich gemerkt hab: Die haben verstanden, wo Leute herkommen. Ein großer Teil der Shortcuts ist identisch, und dort wo sie anders sind, ergeben sie Sinn.
Im Februar hab ich dann den ersten echten Job damit gemacht. Seitdem ist es mein einziges Grafikprogramm, und das meine ich wörtlich: Auf meinen Rechnern ist kein einziges Adobe-Produkt mehr installiert.
Was ich in sechs Monaten damit gebaut hab
Quer durch die Bank, von 2 Meter hohem Rollup bis zum Sticker mit Cut Contour, alle Grafiken für nixlos.in und ein paar Sachen für den Sound, Print und Web. Und weil ich aus der Druckvorstufe komme, interessiert mich vor allem eines: Kommt am anderen Ende ein PDF raus, mit dem eine Druckerei arbeiten kann?
Ja. Alle Jobs sind sauber durchgelaufen.
Zwei ehrliche Einschränkungen dazu, weil ich nicht so tun will, als hätte ich das Ding an seine Grenzen gebracht: Ich hatte in diesen sechs Monaten keinen Job mit Schmuckfarben. Und ich wandle Texte grundsätzlich in Pfade um, das mach ich seit zwanzig Jahren aus Gewohnheit. Heißt: Sonderfarben-Handling und Schrifteinbettung im Export sind bei mir schlicht ungetestet. Wenn du Pantone-lastig arbeitest, teste das selbst, bevor du dich auf mein Wort verlässt.
Was sonst funktioniert hat:
- Bestehende Fonts: null Probleme. Alles, was am System liegt, ist da.
- Fremde Dateien: Ich hab fehlerfrei PSD- und AI-Dateien geöffnet.
- PDFs bearbeiten: Und hier wird es richtig gut. Wer schon mal versucht hat, in Illustrator ein Logo aus einem PDF rauszuoperieren oder eine Kleinigkeit zu ändern, weiß, was für ein Krampf das ist. In Affinity ist das eine ganz normale Datei. Allein dafür hätte sich der Umstieg gelohnt.
Das Beste am neuen Konzept ist aber die Zusammenlegung. Drei mächtige Programme parallel offen zu haben, nur weil ein Layout auch Bildbearbeitung und ein bisschen Vektor braucht, war immer Blödsinn. Jetzt ist es ein Fenster.
Und, das war meine größte Sorge bei einem Canva-Produkt: Es gibt praktisch keine Upsell-Popups. Keine Schriften, die mir permanent angedreht werden. Es fühlt sich an wie professionelle Software, nicht wie ein Köder.
Was mich nervt
Wäre ein schlechter Erfahrungsbericht, wenn alles super wäre.
Die Verschachtelung im Ebenen-Panel. Affinity gruppiert für meinen Geschmack zu viel und zu tief. Ich will meine Ebenen als eine Liste sehen, ohne mich durch Aufklapp-Dreiecke zu klicken. Das ist Gewohnheit, klar, aber es nervt mich.
Die ewigen Mini-Updates. Gefühlt jedes Mal, wenn ich die App aufmache, will sie ein Update. Wöchentlich, manchmal öfter. Mir ist klar, dass aktive Entwicklung ein gutes Zeichen ist. Trotzdem will ich ein Programm starten und loslegen, statt einen Fortschrittsbalken anzuschauen.
Und dann die Kleinigkeit, die mich wahnsinnig macht. Die fällt wahrscheinlich außer mir keinem Menschen auf. Wenn ich in der Oberfläche den Inhalt eines Eingabefelds austauschen will, sagen wir die Schriftgröße, dann gehört bei einem Doppelklick irgendwo ins Feld der komplette Inhalt markiert. Macht Affinity aber nicht. Es markiert entweder die Zahl oder das “pt”, nie beides. Also ziehe ich jedes Mal von Hand über das Feld, damit wirklich alles weg ist, bevor ich den neuen Wert tippe. Klingt nach nichts. Wenn man im Flow ist und dreißig Mal hintereinander Werte ändert, machts einen narrisch.
Und jetzt der unangenehme Teil.
Diese Reihe heißt “Digital unabhängig”. Also muss ich ehrlich sein: Ich bin nicht unabhängig geworden. Ich hab getauscht.
Weg von einem US-Konzern mit Abo-Zwang, hin zu einem australischen, VC-finanzierten Konzern, der mir die Software gratis gibt. Und gratis ist kein Geschäftsmodell, gratis ist eine Phase. Drei Punkte, die ich mir bewusst mache:
Es geht nur mit Account. Das nervt mich. Nach der Installation und nach Updates muss man sich neu einloggen. Am Mac mini im Büro hab ich mich genau einmal angemeldet, seitdem rennt es. Auf meinen Windows-Rechnern werde ich ungefähr alle zwei Monate rausgeworfen. Kein Drama, aber es ist eine Leine, und die ist da. Offline funktioniert die App aber ohne zu murren.
Die Rechnung zahlt trotzdem wer. Die AI-Features hängen hinter Canva Premium, das ist offensichtlich der Funnel. Meine Haltung dazu ist unromantisch: Meine Daten holt sich Adobe genauso, nur zahle ich dort knapp 80 Euro im Monat dafür. Wenn ich schon Produkt bin, dann wenigstens gratis. Das ist keine Prinzipienfestigkeit, das ist eine Abwägung, und ich sag das lieber offen, als mir was vorzumachen.
Der Exit-Plan ist der Export. Meine Dateien liegen lokal, eine Cloud-Zwangsablage gibt es nicht. Und alles, was mir wichtig ist, liegt zusätzlich als PDF und SVG im Archiv. Das ist ohnehin Best Practice und war es auch zu Adobe-Zeiten: Das Arbeitsformat gehört immer dem Hersteller, das Archivformat gehört dir. Wer sich daran hält, kann jedem Anbieter beim Abdrehen zuschauen, ohne nervös zu werden.
Und die letzte Grenze: Es gibt kein Linux. Affinity läuft auf macOS und Windows, sonst nirgends. Bei mir heißt das ganz konkret: Neben meiner DJ-Software ist Affinity der einzige Grund, warum auf meinen PCs überhaupt noch Windows läuft. So viel zur digitalen Unabhängigkeit. Wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzen und bewusste Entscheidungen zu treffen.
Würde ich es weiterempfehlen
Freelancern und Schulen: sofort und ohne Zögern. Bei Schulen finde ich es sogar zwingend. Da wächst gerade eine Generation heran, die kein Adobe-Abo braucht, um Grafik zu lernen. Das ist genau die Situation, die dieser Adobe-Mitarbeiter vor zwanzig Jahren beschrieben hat, nur diesmal legal.
Bei Unternehmen bin ich vorsichtiger, und zwar aus einem Grund, den man in Kostenrechnungen selten findet: Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn mir mein Chef von heute auf morgen neue Software hinstellt, obwohl ich die alte seit über zwanzig Jahren nutze, nur um Kosten zu sparen. Es gibt eine Umgewöhnungsphase, in der man langsamer ist. Das muss man wissen und einkalkulieren. Ich kanns keinem verdenken, der nicht umlernen will. Das sollte die Entscheidung der Grafikerin oder des Grafikers sein, nicht die der Buchhaltung.
Bei mir hat es funktioniert, weil sich meine Lage geändert hat. Ich mache keine 40 Stunden Grafik mehr pro Woche, sondern höchstens acht. In dieser Konstellation ist Affinity nicht der Kompromiss, es ist schlicht die bessere Lösung.
Ach ja, und dann gibt es da noch den Claude-MCP, mit dem ich mir Social Posts automatisiert erstellen lasse. Aber dazu ein andermal mehr.
Falls in deiner Firma jeder Arbeitsplatz eine Creative Cloud hat, obwohl zwei davon im Jahr drei Flyer bauen: Genau solche Posten schaue ich mir im Abo-Audit an. Dein Werkzeug bleibt dein Werkzeug. Es geht darum zu sehen, wo du für Software zahlst, die niemand mehr aufmacht. Schreib mir.
Und wenn du die Serie von vorne lesen willst: Teil 1 Browserwechsel, Teil 2 Event-Archiv, Teil 3 Passwortmanager, Teil 4 Fotocloud, Teil 5 RustDesk, Teil 6 Spotify.
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